Erlebnisberichte

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Die Tour

Hier berichten wir, was wir unterwegs so alles erleben und wie gut wir auf unserer Strecke vorwärts kommen. Alles andere erfahrt ihr auf unserer Webseite http://www.outbackcrosskiter.de

Das Beste kommt zum Schluss!

ErlebnisberichtePosted by Andi und Juli Sat, November 28, 2015 17:17

Irgendwann in den letzten Monaten des Jahres 2013, als wir wieder einmal glücklich über die weitläufigen Strände Rømøs kiteten, packte uns urplötzlich die Lust ein Land auf diese Art und Weise zu durchqueren. Besser noch: einen ganzen Kontinent. Das Adrenalin, die Leistung, das Abenteuer - wir träumten uns einfach hinein.

Der ursprünglich als Hirnriss abgetane Gedanke blieb in unseren Hinterköpfen hartnäckig bestehen und manifestierte sich im Laufe des Jahres in Farbdrucken empirischer Wetterkarten des australischen Outbacks und den ersten Kontaktaufnahmen zu Ausrüstungshändlern und erfahreneren Abenteurern. Irgendwann war dann auch der Flug gebucht, das Fahrrad verpackt und die Sehnsucht nach dem Stichtag groß.

In der Hitze angekommen bestätigte sich allerdings einmal mehr, dass trotz hingebungsvoller Vorbereitung jeder einzelne Kilometer noch mühsam abgefahren werden muss und dass meteorologische Durchschnittswerte nicht mit der Wettervorhersage gleichzusetzen sind. Wir hatten unsere Abenteuergeschichte; die einzelnen Kapitel hingegen waren noch nicht geschrieben und sie zu erfinden erforderte allen Mut und alle Kraft, die wir aufbringen konnten.

Die ersten Tage schwammen wir noch etwas benommen und leicht orientierungslos durch die unbekannten Gewässer. In der zweiten Woche waren wir dann endlich „richtig angekommen“ und konnten uns den Herausforderungen widmen, die der ungewöhnlich heiße Frühsommer 2015 für uns bereit hielt. Dazu gehörte nicht zuletzt der für Australien sehr untypische Wind aus nordöstlicher Richtung. Dank der universell einsetzbaren Kites von Spleene waren wir dennoch in der Lage, die ein oder andere Böe zu unserem Vortrieb zu nutzen. Im Zentrum angekommen war uns dann endlich klar: hier sind wir richtig, so hatten wir uns das vorgestellt. Um den lohnenswerten Umweg über den Uluru zu kompensieren und unsere Flüge in Darwin noch rechtzeitig erwischen zu können entschieden wir uns dann für eine kleine Schummelei und bestiegen temporär einen Bus in Richtung Norden. Dort sollten uns allerdings die besten Tage unserer Reise quer durch down under erwarten.




Tag 25:

Wir hatten den halben Tag in der klimatisierten Atmosphäre des Greyhoundbusses verbracht, der uns für wenig Geld und einige kurzweilige Gespräche mitsamt Fahrrad und Anhänger ein gutes Stück in Richtung Darwin mitnahm. So kamen wir dann leicht träge und etwas zu gemütlich in der Stadt Katherine an. Der Schritt aus dem Bus auf den heißen Asphalt glich dem Durchschreiten der Eingangstür zu einer Sauna. Durch die vielen schwelenden Buschbrände lag ein kontinuierlicher hölzerner Geruch in der Luft; gemischt mit der Hitze und der hohen Luftfeuchtigkeit fragten wir uns beinahe, ob wir uns nicht langsam mal zwischen Minz- oder Fruchtaufguss entscheiden müssten. Um uns das Wellness-Gefühl noch etwas zu erhalten, fuhren wir schnurstracks zu den Katherine hot springs, so genannten natürlichen Thermalpools, deren Wassertemperatur allerdings eher kühlende Erfrischung verhieß. Lediglich die Krokodil-Warnschilder hielten uns ab vom Sprung in das verheißungsvolle Türkisgrün.

Also machten wir uns dann gegen Nachmittag doch noch auf in Richtung nördliches Ende. Die Landschaft hatte sich deutlich verändert. Ringsherum war alles voll mit Bäumen, großen wie kleinen, dicken wie dünnen. So eine Artenvielfalt hatten wir schon lange nicht mehr zu Gesicht bekommen. Dazwischen standen immer wieder Palmen und die Tropen fingen an uns sehr zu gefallen. Man konnte sie förmlich am eigenen Körper spüren, denn so viel Wasser wie zu dieser Zeit, hatten wir in unserem Leben vermutlich noch nicht verloren. Shirts und Hosen waren permanent nass geschwitzt. Nach der ersten 30 Kilometern, die wir voller Erstaunen bei so viel unbekannter Flora, zurückgelegt hatten, hielt ein Truck einige Meter vor uns an. Die zwei darin befindlichen Mechaniker musste ein guter Geist geschickt haben, denn sie hielten uns zwei gekühlte Biere aus dem Fenster. Das Wetter verlangte nahezu nach einer derartigen Erfrischung und das wussten auch die beiden Insassen, denn bevor sie losfuhren ergänzten sie unseren bescheidenen Vorrat an Genussmitteln um den selben Betrag. So zogen wir dem Sonnenuntergang entgegen, in Gedanken bereits bei einem leckeren Abendessen mit den übrigen zwei Bier (die anderen beiden waren bereits verdampft). Kurz bevor wir unser Lager aufschlagen wollten, kamen die beiden freundlichen Mechaniker erneut vorbei und erkundigten sich, ob wir noch ein paar gemeinsame Stubbies genießen wollten. Beim darauffolgenden gemütlichen Plausch leerten wir ihren gesamten gekühlten Vorrat und brachen auch die Handwerker-Reserve an, stilecht transportiert und sodann vernichtet auf der Ladefläche des Pickups. Dass wir dabei ganz vergaßen uns ein Abendessen zu bereiten, machte sich bei Einbruch der Dunkelheit dann in einem doch spürbaren Rausch bemerkbar. Als Erlebnis auf unserer Tour aber definitiv den leichten Kopfschmerz am nächsten Morgen wert!

Tag 26:

Die unerwartete Bekanntschaft des Vortages noch nicht vollends überwunden, begaben wir uns nach einem späten und halbherzigen Haferflocken-Frühstück am nächsten Morgen auf den Weg in Richtung Pine Creek. Gegen Mittag deutete sich bei Andi, der am Morgen noch deutlich fitter gewirkt hatte als ich, ein kleiner Sonnenstich an, sodass wir im Schatten einiger Baumhoher Termitenhügel Zuflucht suchten und uns eine ausgiebige Mittagsruhe gönnten. Trotz der imposanten Eindrücke, die die Natur um uns herum zu bieten hatte, konnten wir uns nicht dazu bewegen mehr als 85 Kilometer zurückzulegen. Die stickige Luft schränkt die Leistungsfähigkeit eben deutlich ein. Erschöpft beendeten wir den Tag auf einer tropischen Lichtung und schliefen alsbald bei entspannter Musik unter dem Sternenhimmel und auf unseren Schlafsäcken ein.




Tag 27:

Bereits auf einem verschwitzten Nachtlager aufgewacht, wurde der Tag sehr schnell deutlich heißer. Der Körper hatte nicht einmal den Hauch einer Chance mit dem Herunterkühlen nachzukommen. In einem Roadhouse trafen wir ein britisches Ehepaar, begeisterte Radfahrer und Bewunderer unseres Gespanns, die uns mitteilen konnten, dass wir um 12.30 Uhr bereits die 41°C-Marke überschritten hatten. Die Luftfeuchtigkeit lag bei 95%; ein Wetter, dass ich so noch nicht gekannt hatte. Dazu war auch die Landschaft wieder sehr hügelig, sodass wir bei manchen Anstiegen an die äußersten Grenzen des Erträglichen stießen. Zu unserem Glück kamen wir gegen Ende an die bisher längste und steilste Abfahrt auf unserer Strecke und wir brachen geschwindigkeitstechnisch sämtliche bis dahin aufgestellten Rekorde. In dem Moment waren wir heilfroh, dass Chris (chrisbikes.de)dafür gesorgt hatte, dass wir auf unserer Tour insbesondere mit hohen Gängen versorgt waren. Dennoch musste ich mich am Ende des Tages kniebedingt geschlagen geben und wir suchten uns vorzeitig eine Stelle, an der wir unser Lager aufschlagen konnten. Dort wurden wir dann auch wieder einmal Zeuge eines unbeschreiblichen schönen australischen Gewitters. Glücklicherweise erreichten uns nur dessen Ausläufer, sodass wir abermals unter freiem Himmel campieren konnten. Ein Genuss, den ich vermissen werde!




Tag 28:

Der Anbruch des voraussichtlich letzten kompletten Radtages war unbekümmert und fröhlich. Beide waren wir zu vielen Späßen aufgelegt und erreichten spielend den nächsten Ort Adelaide River. Das Leitungswasser, was wir dort auffüllten, sorgte zwar bei uns beiden für leichte Magenverstimmungen, aber davon ließen wir uns nicht beirren. Als wir nach ungefähr 35 Kilometern einen Fluss erreichte, hielten wir kurz an, um dieses lange vermisste Stück Natur photographisch festzuhalten. Dabei entdeckten wir zufällig einen kleinen Bach, der in einen klaren Tümpel hineinplätscherte und nach kurzem überlegen entschieden wir: „Dieses Wasser haben wir uns verdient!“ Ausgelassen und froh nach drei Tagen und Nächten voller Schweiß und feuchter Luft endlich wieder fließendes Wasser zur Verfügung zu haben, genossen wir dieses abgelegene Stückchen Paradies. Wir waren beide einer Meinung: hätten wir so etwas in unserer Heimatregion, wir würden jeden freien Tag dort verbringen. Selbst eine Liane hing über dem kleinen Becken und lud zu allerhand Kunststücken ein. Nach eineinhalb Stunden Toben im Wasser machten wir uns schweren Herzens wieder daran, dass Tagesziel zu erreichen. Aber allein dieser Moment entschädigte uns für so viele Blasen an den Füßen und Verspannungen in der Beinmuskulatur, dass die Tour einfach nur eine gute Idee gewesen sein konnte.

Nach knapp 60 Kilometern verkrochen wir uns dann keinen Moment zu früh in einen Abflusstunnel unter der Straße, denn über uns öffnete der Himmel seine Schleusen und wir wurden Zeugen eines unglaublich beeindruckenden Tropenregens. Allein der Geruch, der sich daraufhin ausbreitete war einmalig, ganz zu schweigen von der Geräuschkulisse aus dem prasselnden Regen und der dennoch hörbaren Fauna. Mit nassen Klamotten, aber mit dem wunderbaren Gefühl den tollsten Tag der Tour erlebt zu haben, fuhren wir noch bis kurz vor Sonnenuntergang und schlugen am Rande des Waldes ein letztes Mal unser Zelt auf.




Tag 29:

Bis zur Zielort waren nur noch 45 Kilometer zurückzulegen, das machte sich leider auch an der Dichte des Verkehrs bemerkbar. Mit gut 115.000 Einwohnern ist Darwin die größte Stadt des Northern Territory und entsprechend groß ist der Strom der Menschen dorthin. Unser Plan so früh wie möglich und mit wenig Verkehr loszukommen wurde ad absurdum geführt, als wir um 4.30 Uhr bereits laute und kontinuierliche Motorengeräusche auf dem Highway ausmachen konnten. Also nahmen wir uns die Zeit unser Rad mit unserem in Alice Springs gewonnenen Weihnachtsschmuck zu dekorieren und starteten wenn nicht als schnellstes, dann zumindest als feierlichstes Gefährt in den letzten Abschnitt bis zum Meer.

An einer am Highway gelegenen Mangofarm sammelten wir eine heruntergefallene Frucht auf, mit der Absicht diese zum Frühstück zu verspeisen. Das war die beste Idee, die wir an jenem Tag hatten, denn in meinem Leben hatte ich noch keine so fruchtige und leckere Mango gegessen. So etwas gibt es bei uns nicht zu kaufen!

Je näher wir der Stadt kamen, desto dichter wurde der Verkehr und desto mehr Spuren kamen hinzu. Auf dem ganzen weiten Weg von Port Augusta hatte ich nicht einmal so etwas wie Angst verspürt, aber als der dreispurige Highway sich dann ein einer Baustelle zu einer Fahrbahn verjüngte und Roadtrains wie Busse lediglich einen Meter von uns entfernt an uns vorbeirauschten, überkamen mich ernste Zweifel an unserem Tun. Man fühlt sich eben radelnderweise auf keiner Autoschnellstraße wohl und das, obwohl das Radfahren auf dem Stuart Highway ausdrücklich erlaubt ist. Zu allem Überfluss konnten wir an diesem Tag noch einmal vier! Platte Reifen verzeichnen. Selbst unser wunderbarer „hinterher“, der bislang jeder Belastung tapfer stand gehalten hatte, musste sich den vielen Drahtsplittern auf der Straße geschlagen geben. Für einen kurzen Moment war also auch bei unserem treuen Radhänger die Luft raus.

So waren wir dann doch sehr froh, als wir gegen 13 Uhr in Darwin ankamen und endlich das sehnlichst vermisste Meer wiedersahen.




Der Rückblick geschieht bei uns beiden mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Einerseits ist der Ausblick auf eine regelmäßige Dusche und ein Eis dann und wann ein wunderbarer. Andererseits haben Andi und ich fünf Wochen voller unerwarteter Ereignisse, voller Zufälle und angenehmer Bekanntschaften, voller unvergesslicher Erlebnisse hinter uns - unser ganz eigenes Abenteuer! Die Tour hat uns unglaublich Spaß bereitet und ich für meinen Teil kann feststellen, dass ich etwas verpasst hätte, wenn wir wir dazu nicht verrückt genug gewesen wären. Auch wenn wir die ursprünglich geplante Strecke umgelegt und um einige Kilometer gekürzt haben (2350km statt 2800km), können wir dennoch stolz auf unsere Leistung sein und sagen: wir haben es geschafft!

Noch am Nachmittag unserer Ankunft haben wir uns daran gemacht, das Rad zu demontieren und haben bis spät in die Nacht Pakete der kleinstmöglichen Größe geschnürt, mit der Absicht, diese heute bei der Post aufzugeben. Nach einigem hin und her, waren wir in der Lage alle drei Pakete loszuwerden und hoffen, dass nichts schief geht auf dem 3-monatigen Trip bei Seefracht zurück nach Deutschland. Aber wie der Australier zu sagen pflegt: „No worries, mate! Too easy!“

Wir werden derweil noch ein bisschen die sommerliche Hitze Australiens genießen und uns einige Sehenswerte Flecken näher anschauen. Diesmal allerdings lieber zu Fuß oder in einem 4WD.

Unser besonderer Dank gilt all denen, die unsere Tour unterstützt haben, ideell wie materiell! Ohne die vielen helfenden Hände, die motivierenden Worte, die Sportgeräte sowie die Kleidung und Ausrüstung, ohne die großzügigen Spenden und ohne Tipps und Hinweise wäre die Umsetzung unseres Plans schier unmöglich gewesen. Dafür danken wir allen ganz besonders!

Und sobald Andi und ich die Unmengen an Videomaterial gesichtet und sortiert haben, werdet ihr die Tour auch als Film zu Gesicht bekommen. Die Neuigkeiten veröffentlichen wir dann auf unserer Webseite.


zu den Bildern



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